Begriff-Suche: Bildung. Humboldt hatte ein bisschen recht.

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These: Der Begriff “Bildung” wird in politischen Kontexten oft ausgesprochen und selten verstanden. Auch Initiativen und pädagogische Institutionen neigen dazu den Begriff inflationär zu benutzen, obwohl sie etwas anderes meinen. Grund genug einen Blick in die Bildungsforschung zu werfen und Ergebnisse zusammenzutragen. Die vorgestellten Inhalte stammen aus meiner Bachelorarbeit 2014 und wurden von mir neu aufbereitet.

Bildungs-Durcheinander

Ich habe mich die letzten Wochen viel mit aktuellen Bildungsthemen beschäftigt und stelle fest, dass die Begrifflichkeiten ganz schön durcheinander fliegen. Bildung, Lernen, Erziehung, Schulbildung, Digitale Bildung, etc. In meiner Bachelorarbeit beschäftigte ich mich 2014 mit John Deweys Demokratiepädagogik und dem Konzept transformatorischer Bildungsprozesse. Mit dem Ziel, Hinweise für transformatorische Bildungsprozesse in John Deweys Werk zu finden. Um keine künstliche Spannung aufzubauen: Ich habe Hinweise gefunden, doch darum geht es hier nicht. Vielmehr soll es um den Bildungsbegriff gehen. Dieser lässt sich auf der einen Seite schnell skizzieren, auf der anderen Seite ist er sehr abstrakt und entzieht sich schnell unserer Vorstellungskraft.

Die Grundzüge von Humboldts Bildungsbegriff

Einer meiner ehemaligen Professoren für Erziehungswissenschaften, Hans-Christoph Koller, setzt sich u.a. für ein umfassenderes Verständnis von Bildung ein. Dabei verfolgt er das Konzept der transformatorischen Bildungsprozesse. Nach Koller hat der Begriff ‘Bildung’ verschiedene Quellen. Besondere Bedeutung hat dabei der Bildungsbegriff nach Humboldt, denn seine Auseinandersetzung mit dem Begriff gilt als Folgenreichste und hat bis heute nicht an Wichtigkeit verloren. Humboldt verstehe Bildung „als ‚höchste und proportionierlichste‘ Entfaltung der menschlichen Kräfte ‚zu einem Ganzen‘ “ (Koller 2012a, S.74). Humboldt definiert also, dass sich der Mensch durch Bildung entwickeln kann und deshalb das Ziel von Bildung die bestmögliche Entwicklung der inneren Möglichkeiten eines Menschen ist. Bei Humboldt spielen zwei Dinge eine Rolle: Das Ich und die Welt.

Ich

Das, was in einem Menschen liegt – sein Innerstes. Es ist demzufolge nicht sichtbar.

Welt

Das, was außerhalb des Menschen liegt. Also das, was der Mensch durch seine Sinne wahrzunehmen versucht.

Die beiden Grundgedanken von Humboldts Bildungsbegriff seien die „Entwicklung der Kräfte und die Wechselwirkung von Ich und Welt“ (Koller 2012a, S. 12).
Zusammengefasst: Bildung geht immer vom Menschen aus, indem dieser sein Ich und die Welt in Wechselwirkungen bringt: Der Mensch benötigt etwas, das er nicht hat, das er aber in der Welt findet. Dann versucht der Mensch sich Eigenschaften der Welt zueigen zu machen und nimmt die gewonnene Erkenntnis in sein Ich auf. Dabei entsteht neues Wissen darüber, wie Die Welt funktioniert und gesehen werden kann; ob die Welt wirklich so ist, steht auf einem anderen Blatt. Entscheidend ist, dass die angeeignete Form für den Menschen funktioniert. Nach Franz-Michael Konrad nimmt der Bildungsbegriff in Humboldts Gesamtwerk zwar eine zentrale Rolle ein, es ist aber keine abgeschlossene Theorie damit verbunden. So bedeutungsvoll Humboldts Gedanken auch sind, so bleiben sie auch nur fragmentarisch (Konrad 2010). Koller gibt auch zu bemerken, dass es bei Humboldts Bildungsbegriff schon um einen Prozess geht, was von Humboldt selbst allerdings nicht explizit benannt wird (2012a).

Bedingungen für Bildung und Unterscheidung von Bildung

Als Bedingungen für Bildung ließen sich aus Humboldts Werk Freiheit und „Mannigfaltigkeit der Situationen“ (Konrad 2010, S. 39), in denen Bildung stattfinden könne, ableiten (Konrad 2010). Der Freiheits-Begriff muss sicherlich auch im zeitlichen Kontext betrachtet werden, wodurch er in meinen Augen aber nicht an Bedeutung verliert. Es wäre spannend sich weitergehend mit dem Begriff auseinanderzusetzen und zu schauen, inwiefern er sich auch mit “Freiwilligkeit” übersetzen ließe. Bei der ‘Mannigfaltigkeit der Situationen’ ist sofort an eine abwechslungsreiche und anregende Umgebung zu denken, in denen sich der Mensch mit unterschiedlichsten Situationen und Erfahrungen auseinandersetzen kann. Hierbei wäre auch ein genauerer Blick auf die Verbindung mit interkulturellem Lernen spannend.

Humboldt unterscheidet auch verschiedene Arten oder Ebenen von Bildung: Eine allgemeine Bildung und eine Bildung, die sich als zweckgebundenes Wissen manifestiert. Darüber hinaus setzt Humboldt beide Arten oder Ebenen in ein Verhältnis zueinander und kommt zu dem Schluss, dass eine allgemeine Bildung über zweckgebundenem Wissen liege (Koller 2012b).  Diese Unterscheidung Humboldts könnte aktueller nicht sein, weil einzelne Schulfächer durch die Transformation der Gesellschaft dadurch an Bedeutung verlieren, dass Faktenwissen von heute nicht mehr dem benötigten Faktenwissen von morgen entspricht und ganz andere Kompetenzen zu Mündigkeit und einem selbstbestimmten Leben führen.

Humboldts Auffassung von Bildung liegt zugleich ein sprachtheoretischer Anspruch zugrunde, nach dem die Sprache eine herausragende Rolle bei der Bildung insofern zukomme, dass Humboldt die Sprache nicht als bloßes Werkzeug verstehe, sondern vielmehr als eine wirkende Kraft (Koller 2012b). Die Sprache ließe sich als eine treibende Kraft der für Bildung entscheidenden Wechselwirkung zwischen dem Ich und der Welt begreifen (Koller 2012b). Was Humboldt nicht ahnen konnte war, dass verschiedene Sprachen einmal so zugänglich sein würden, wie heutzutage und dass ein Großteil des Lebens durch die Anwendung von Binärcode bestimmt sein würde.

Nobody is perfect: Die Defizite von Humboldts Bildungsbegriff

Individualität vs. Ideal der Menschheit

Humboldt hat zwei Perspektiven auf Bildung, die sich nicht gut miteinander verstehen:

1. Perspektive: Bildung ist ein Vorgang im Menschen, Bildung ist immer Selbstbildung.

2. Perspektive: Ein Ziel von Bildung muss die ‘Bildung der Menschheit’ sein, die zu einem ‘harmonischen Ganzen’ (Konrad 2010) beitragen kann.

Bildung führt demnach zu Individualität, daneben gebe es aber auch eine idealtypische Vorstellung von Menschheit. Der Anspruch an ein harmonisches Ganzes bleibt wohl ein Ideal und unterstellt auch, dass alle die gleiche Vorstellung von Harmonie haben (Koller 2012b). In Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung, in denen die Welt zunehmend komplexer wird, scheint dieser Widerspruch bestätigt. Andererseits lässt er sich auch mit der Verfügbarkeit von Wissen(sprodukten) verbinden: Wenn immer mehr Wissen (frei!) verfügbar gemacht wird und zugänglich ist, kann sowohl das Individuum, als auch die Menschheit durch einen größeren Austausch und schnellere Austauschmöglichkeiten profitieren.

Ungeeignet für die Bildungsforschung

Humboldts Bildungstheorie sei zwar dazu geeignet in pädagogischen Rahmen idealtypische Zielvorstellungen zu entwickeln, einen Bezug zur Wirklichkeit und realen Bedingungen ließe sich aber nicht durch Humboldts Bildungstheorie herstellen. Das disqualifiziere sie für die empirische Erforschung von Bildungsprozessen (Koller 2012b). Schließlich sei Bildung, nach Humboldt, nicht mechanisch erklärbar, sondern etwas, das ähnlich wie die Kunst „mehr zu erahnen und zu erfühlen […] sei“ (Konrad 2010, S. 41).

Keine Auslöser oder Ursachen

Humboldt lässt in seinen Überlegungen die Frage offen, was konkret dazu führen möge, dass ein Mensch sein Weltbild verändere (Koller 2012b). Es fehlt also der Hinweis darauf, wodurch Bildung konkret ausgelöst werden könnte. Der Gegenstand, an dem sich der Mensch ‚reiben‘ kann, sei mit der Welt zwar benannt, eine weitere Ausführung bleibt Humboldt allerdings schuldig (Koller 2012b).

Franz-Michael Konrad kommt zu dem Schluss, dass Humboldt, wie schon die Philosophen im antiken Griechenland, Bildung vor allem als „das Ergebnis von Muße und zweckfreiem Tun“ (Konrad 2010, S. 44) sehe. Dass sich ein Mensch die Welt auch durch körperliche Arbeit aneignen könne, spart Humboldt aus (Konrad 2010). Dies wiederum schränkt die Bedeutung von gemachten Erfahrungen für Bildung und insbesondere Selbstbildung ein. Bei der Berufung oder Auseinandersetzung mit Humboldts Bildungsideal müssen demnach immer Auslöser mitgedacht werden, die nicht von Humboldt benannt werden: etwa Erfahrungen, Kollaboration oder Kreativität.

Literatur

Koller, H.-C. (2012a). Grundbegriffe, Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft. Eine Einführung (6. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer-Urban-Taschenbücher.

Koller, H.-C. (2012b). Bildung anders denken. Einführung in die Theorie transformatorischer Bildungsprozesse (Pädagogik). Stuttgart: Kohlhammer.

Konrad, F.-M., & Humboldt, W. von. (2010). Wilhelm von Humboldt (1. Auflage). Bern: Haupt Verlag.