Gendergerechte Sprache

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Ich habe gerade eine wissenschaftliche Hausarbeit an der Fernuni fertiggestellt. Im Modul wurde uns erklärt, dass eine gendergerechte Sprache zum wissenschaftlichen Ausdruck gehöre, in diesem Modul aber darauf verzichtet werden könne. In meinen Augen führt diese Vereinfachung, bezogen auf das Modul, zu zwei Widersprüchen:

  • Unsere Hausarbeit ist keine wissenschaftliche Arbeit
  • Gendergerechte Sprache ist wichtig, kann aber auch eingespart werden

Ich bin mir sehr sicher, dass keine Hochschule auf die korrekte Angabe von Literatur, gemäß eines einheitlichen Zitationsstils, in einer Modulabschlussprüfung verzichten würde. Denn die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens sollen schließlich von Beginn an geübt werden. Genauso muss auch in Sachen gendergerechter Sprache geurteilt werden. Vielleicht gibt es tatsächlich Gründe für den Verzicht, die sich aus den Erfahrungen der letzten Jahre ergeben oder aus Praktiken, die für mich nicht ersichtlich sind. Es zeigt dann aber auch, dass eine sensible Sprache, die alle Menschen einschließt, nicht den Stellenwert hat, den sie haben sollte.

In beruflichen und privaten Kontexten nutze ich zur Umsetzung einer gendergerechten Sprache den _ und das *. Damit fahre ich ganz gut und in den meisten Fällen fallen mir Anpassungen im Satzbau leicht, wenn es doch mal holprig werden sollte. An die Grenzen stößt der _ und das * bei Artikeln, die aus einem simplen Ausdruck ein längeres Konstrukt werden lassen und in denen kein einheitlicher Übergang zwischen femininer und maskuliner Form möglich ist. Dennoch ist auch, in meinen Augen, die Lesbarkeit meist angenehmen. Auch wenn ein bisschen Übung notwendig ist, kann eine Pause innerhalb des Wortes erlernt und so verwendet werden, dass das Verständnis nicht eingeschränkt wird. Der positive Nebeneffekt der Pause ist zudem, dass sie oft Anlass für Gespräche über Sprache ist, Zuhörende dazu Fragen stellen und sich ein Gespräch zu gendergerechter Sprache ergibt.

Für meine Hausarbeit stand fest, dass ich alle Geschlechter meine und ich das auch zum Ausdruck bringen wollte. Ich startete, in alter Gewohnheit mit dem *. Was für mich im beruflichen und privaten Kontext gut funktioniert, stellte sich als unbefriedigende Lösung heraus. Ich nahm die Sätze als komplizierter und weniger gut lesbar wahr. Grund dafür war der allgemeine Ausdruck der Arbeit und ein ohnehin schwierig verständliches Thema, das von vielen englischen Fachbegriffen lebt, deren deutsche Übersetzungen unnötig kompliziert wirken. Im Moodle-Forum zum Modul wurde auch nach der Erfordernis einer gendergerechten Sprache gefragt. Dort wurde die geschlechterneutrale Schreibweise empfohlen. Diese habe ich bis dato als sehr unpersönlich und begrenzt wahrgenommen. Ich nahm den Hinweis aber zum Anlass, mich damit auseinanderzusetzen. Dabei stieß ich auf die Webseite https://geschicktgendern.de, die gängige Gendervarianten thematisiert, aber vor allem ein „Genderwörterbuch“ zu neutralen Ausdrücken entwickelt. Die Inhalte des Projekts werden von Johanna Usinger verfasst und organisiert und stehen unter einer CC-Lizenz (CC BY-NC-SA 4.0). Wie im Wörterbuch ersichtlich wird, gibt es sehr viele neutrale Varianten. Auch wenn die manchmal ungewohnt wirken, sind sie inhaltlich sehr eindeutig. Die angebotenen Varianten fügen sich i.d.R. nahtlos in den Satzbau ein und lassen sich einfach Sprechen.

In meiner Hausarbeit verwende ich hautsächlich die Wörter Lernende, Lehrende, Nutzende und Verfassende. Während die ersten drei Wörter leicht von der Zunge gehen, habe ich bei „Verfassende“ schon gestutzt. Je öfter ich es aber ausgesprochen habe, desto gängiger erschien mir der Ausdruck. So war ich mit der Variante sehr zufrieden und nehme mir vor, diese mehr in meine alltägliche Sprache einzubeziehen. Sie enthält alle Vorzüge, die ich am _ und * schätzen gelernt habe, sie kann Lesende zum Nachdenken anregen und sie verzichtet vor allem gänzlich auf ein Geschlecht. Das kann sonst (meines Wissens nach) nur das relativ unbekannte Geschlechter-X (X Musikx spielt vor vielen Zuhörx, Gesprochen: Ics Musikics spielt vor dielen Zuhörics). Obwohl ich diese Variante auch nicht schlecht finde, muss ich viel zu sehr an Asterix und Obelix denken. Das ist sicherlich auch eine Sache der Gewohnheit, ich sehe für diese Form aber einfach keine Akzeptanz innerhalb der nächsten 100 Jahre. Die neutrale Variante ist grammatikalisch sauber und verwendet bekannte sprachliche Strukturen, woraus eine größere Akzeptanz resultieren kann.